Walther Ludwig: Lilienfeldeinbände des Klosters Lilienfeld aus dem 17. und 18. Jahrhundert
Im folgenden wird an zwei Bucheinbänden gezeigt, daß das Zisterzienserkloster Lilienfeld (Abbatia Beatae Mariae Virginis de Campolilio) in Niederösterreich im 16. und im 18. Jahrhundert zum Schmuck seiner Bucheinbände für die Deckel verschiedene Plattenstempel benützte, die ein symbolisches Lilienfeld innerhalb eines symbolischen Hortus conclusus zeigten. Das führt zu der Vermutung, daß die alten Bücher dieses Klosters konventionell so gebunden wurden (in der bisherigen Literatur wird anscheinend nicht darauf aufmerksam gemacht), und stellt zugleich die Frage, wo sich andere solche Bücher nachweisen lassen.
Cornelius Strauch (1611-1650), ein Abt des Klosters Lilienfeld (D. Theol. Rom 1635, 1638-50 im Amt, seit 1640 auch kaiserlicher Rat und seit 1645 kaiserlicher Kriegskommissar) ließ 1648 ein von ihm erworbenes Exemplar der ersten, 1540 postum herausgegebenen Ausgabe eines Werkes von Johannes Cuspinianus (1473-1529)
IOANNIS CVSPI||NIANI VIRI CLARISSIMI, POETAE|| ET MEDICI, AC DIVI MAXIMILIANI AVGVSTI|| Oratoris, de Caesaribus atque Imperatori-||bus Romanis opus|| insigne.|| DEDICATIO OPERIS AD INVICTISSI-||mum Imperatorem CAROLVM Quintum,|| per Christophorum Scheurle|| I.V.D.|| VITA IOANNIS CVSPINIANI, ET DE VTILITATE|| HUIUS Historiae, per D. Nicolaum Gerbe-||lium iureconsultum, [8] Bl., 762 S., [3] Bl., 28 x 19,5 cm,
das Crato Mylius bzw. Krafft Müller in Straßburg gedruckt hatte, in einen blind geprägten Schweinsledereinband mit seinen Initialen C[ornelius] S[trauch] A[bbas] C[ampoliliorum] und der Jahreszahl 1648 binden. Der Band kam später in den Besitz des Klosters. Monast. Campoliliorum steht auf der Titelseite, auf der auch hinzugefügt wurde Liber prohibitus donec corrigatur. Denn das Buch stand schon seit 1559 in dieser Weise auf dem Index librorum prohibitorum (Rom 1559, Bl. B7r: Ioa. Cuspinianus lib. inscrip. Imp. et Caes. vitae cum imaginibus ad vivam effigiem expressis). Papst Alexander VII. hatte 1666 dekretiert: libri prohibiti donec expurgentur possunt retineri usque dum adhibita diligentia corrigantur. Das Buch zeigt jedoch keine Spuren einer solchen zensierenden Korrektur. Auf S. DXX steht am Rand NB monasterium nostrum neben dem Bericht der Gründung des Klosters Lilienfeld im Jahr 1202 und auf S. DCX am Rand NB zu der Stelle, daß die Mutter Kaiser Friedrichs III. in Lilienfeld erkrankte, starb und begraben wurde. Das Buch wurde also von den Zisterziensern gelesen. Als Kaiser Joseph II. das Kloster 1789 aufgelöst hatte, gerieten bekanntlich große Teile seiner Bibliothek in private Hände oder wurden vernichtet, bevor Kaiser Leopold II. das Kloster schon 1790 wieder eröffnete. Unterdessen hat das noch existierende Kloster wieder eine Bibliothek von zur Zeit ca. 40 000 Bänden gesammelt.
Auch der Einband des besprochenen Bandes zeigt seine ursprüngliche Zugehörigkeit zu dem Kloster Lilienfeld. Denn in der Mitte des Vorder- und des Hinterdeckels findet sich ein durch drei Stricheisenlinien gerahmtes, nahezu quadratisches Rechteck (7, 5 x 8, 5 cm), in dessen Ecken vier stilisierte Lilien geprägt worden sind und das in seiner Mitte ein aus vier Blattornamenten und vier Lilien bestehendes quadratisches und auf einer Spitze stehendes Muster zeigt (4 x 4 cm). Das Rechteck ist gerahmt von drei Rollenstempeln, einer Eichelgirlande, einer Palmbaumkette und einem Wogenband. Das Rechteck gibt offensichtlich ein symbolisches Lilienfeld in einem Hortus conclusus wieder. Der letztere geht bekanntlich auf den christlich auf Maria gedeuteten Vers in Cant. cant. 4, 12, Hortus conclusus, soror mea, sponsa, Hortus conclusus, fons signatus, zurück. Die Lilien erinnern an Matth. 6, 28, Considerate lilia agri. Beide Bildvorstellungen finden sich auch in dem barocken Stuckwerk über dem Westportal des Stifts, wo ein Hortus conclusus abgebildet wird und auf einem Spruchband „Betrachtet die Lilgen des Feldes“ steht. Es sind symbolische Repräsentationen der reinen Jungfräulichkeit der Jungfrau Maria, was zu dem offiziellen Namen des der Jungfrau Maria geweihten Stifts paßt.
Man könnte annehmen, daß diese von Abt Strauch gewählte Formung des Einbandes einzigartig war, aber ein 1771 oder kurz danach gefertiger Kalbledereinband, der gleichfalls auf den Deckeln ein wenn auch anders gestaltetes Lilienfeld in einem Hortus conclusus zeigt (s. Abb. 2), läßt vermuten, daß das Kloster häufig seinen Büchern Einbände gab, die ein symbolisches Lilienfeld abbildeten.
Bei dem zweiten Band handelt es sich um die durch Bildtafeln illustrierte Logik des Freiherrn Joannes Baptista von Hornstein (1726-1788, S. J.), die dieser 1771 in Freiburg im Breisgau drucken ließ:
DIALECTICA|| ANALOGICIS IMAGINIBUS|| ILLUSTRATA,|| IN|| PHANTASIAE, ET LOCALIS MEMORIAE|| AUXILIUM,|| AD FACILIOREM|| RERUM LOGICARUM|| PERCEPTIONEM|| ET MENTIS, ET OCULORUM ACIEI|| SUBJECTA|| A|| P. JOANNE BAPTISTA HORNSTEIN,|| SOCIETATE JESU, [4] Bl., 88 S., 9 gefaltete Kupfertafeln, 24 x 18,5 cm.
Der Buchschmuck auf den Deckeln des Buches war ursprünglich mit einer Goldlegierung geprägt, die jetzt aber bis auf geringste Reste schwarz oxydiert ist. Seine Formung ist jedoch gut zu erkennen. Hier nimmt der Zaun des Hortus conclusus (22 x 16 cm) nahezu die ganze Deckelgröße ein. Innerhalb desselben formieren 8 Lilienstengel mit Blättern und 6 seitwärts gesehenen Blüten ein Rechteck (17 x 9 cm). Außerhalb und teilweise auch innerhalb desselben sind viele kleine und kleinste Blüten in Aufsicht zu sehen. Im Zentrum des Feldes befindet sich ein gleichermaßen wieder eingezäunter Rhombus (10 x 6 cm), der an seinen vier Ecken außen mit einem dreiblättrigen Sproß versehen ist. Der gleiche dreiblättrige Sproß erscheint auch innerhalb der Umzäunung an den vier Ecken des Ornamentfeldes, in dessen Zentrum sich zwei gleich gestaltete rundliche Ornamente befinden, deren Reliefierung im Einzelnen schwer zu erkennen ist. Es ist zu vermuten, daß der Rhombus mit den dreiblättrigen Sprossen hier die Heilige Dreieinigkeit symbolisiert. Auf den Deckelrändern wechseln Jacobsmuscheln mit Lilienblüten ab.
Der gegenüber dem Einband von 1648 reichhaltigere Symbolismus dieses Einbands ist vielleicht durch die allegorischen Tafelbilder des Buches beeinflußt. Das erste Tafelbild, das dort mit dem Propylaeum Sapientiae sich an das von Pausanias beschriebene Propylaeum auf der Akropolis Athens anlehnt, hat in seinem Zentrum in einem abgehobenen innersten Feld das Auge Gottes.
Die Deckelornamentik des betrachteten Bandes beweist seine Herkunft aus dem Kloster Lilienfeld, die nicht eigens eingetragen ist. Der Band trägt auf dem Vorsatz nur die mit Tinte geschriebene Signatur S. C. 16 D. An weiteren alten Einbänden des Klosters ließe sich vermutlich klären, ob die Einbandwerkstatt des Klosters traditionell die Deckel mit dem Symbol des Lilienfelds im Hortus conclusus versah. Man kann dieses Symbol ein Emblem des Klosters nennen, das offenbar anstelle seiner verbalen Bezeichnung stehen konnte. Es ist anzunehmen, daß mittlerweile alte Bände des Klosters in vielen Bibliotheken verstreut sind.




